Die Sonne schien ziemlich stark an diesem Nachmittag und nach einigen Minuten drehte sich Emily um. Nick behielt weiterhin die Augen geschlossen, doch er merkte, dass Emily nach dem Becher neben sich griff. Dann hörte er, wie sie einen Schluck daraus nahm. Die Sonne verschwand einen Moment, und Nick erschrak zunächst. Vielleicht stand der Doktor vor ihm oder Emily war weggelaufen und hatte für einen Moment die Sonne verdeckt. Doch es war nur eine mittelgroße Wolke,

die zumindest einen Teil des Sonnenlichts verdeckte. Emily versteckte ihr Gesicht nicht mehr, und nun endlich schaute sie mit offenem Blick in den Park. Sie war dabei so nah an Nick. Für einen Moment stützte sie sich mit der linken Hand ab, um noch einen Schluck zu nehmen. Nick, der sich auch hingesetzt hatte, war ihr dabei ganz nah und seine Hand lag nur etwa 20 Zentimeter neben ihrer. Er schielte schnell auf ihre Hand, und es wurde ihm ganz warm ums Herz.

»Hoffentlich denkt sie jetzt nichts Schlechtes über mich, weil ich ihr so nah bin«, dachte Nick nervös. So gerne hätte er einfach ihre Hand genommen und gehalten, um ihr das Gefühl zu geben, dass er für sie da

war. Nick blickte wieder in den Himmel, und fast war die Wolke vorbeigezogen. Dann plötzlich kam ihm das Gespräch mit Jack in den Sinn. »Ich habe einen Freund, der mir erst vor Kurzem etwas gesagt hat, das mich sehr berührt hat. Es hat mir geholfen, mein Leben mit anderen Augen zu sehen.« Nick wartete einen Moment ab, bevor er weitersprach.

Es schien nicht so, als ob Emily ihm zuhören würde, aber das sollte ihn nicht davon abhalten, weiterzusprechen.

»Er sagte mir, dass wir Menschen so stark mit unseren Problemen verbunden sind, dass wir vergessen, dass hinter den Wolken unseres Lebens immer die Sonne scheint. Wir glauben, dass alles dunkel und grau ist. Vielleicht glauben wir sogar, das wäre für immer so. Doch im nächsten Augenblick schon kann die Kraft der Sonne Risse in die Wolke reißen und sie auflösen. Schon im nächsten Augenblick kann die Wolke vorbeigezogen sein, weil der Wind sie zur Bewegung zwingt.«

Irgendetwas berührte Emily an dem, was Nick sagte, und eine kleine einsame Träne rollte langsam ihre Wange herunter. Sie schloss die Augen, und immer mehr Tränen liefen ihre Wange herunter.

»So etwas Ähnliches hat zu mir auch schon einmal jemand gesagt«, antwortete sie schließlich. Wieder schwiegen beide.

»Ich weiß nicht, was passiert ist, dass du hier bist, Emily. Doch ich weiß, dass ich erst vor Kurzem noch dachte, mein Leben hätte keinen Sinn. Und jetzt hat es wieder einen Sinn. Es hatte die ganze Zeit einen Sinn, ich habe ihn nur nicht gesehen, weil ich davon überzeugt war, dass mein Leben anders sein müsste.«

Wehmütig blickte Emily Nick an. Was er sagte, berührte sie sehr. Für ein paar Momente schaute sie Nick direkt in die Augen. Nick wandte seinen Blick nicht ab. Ihre Augen waren so groß und so tief, dass man sich darin hätte verlieren können.

»Ich wünschte, ich könnte das so sehen wie du«, antwortete sie ihm betrübt. »Das kannst du. Es ist deine Entscheidung.«

Emily drehte wieder den Kopf zur Seite. Sie schien ihre Tränen verbergen zu wollen. Nick war froh, dass sie nicht aufstand und weglief. Aus irgendeinem Grund blieb sie dort bei Nick sitzen. Nick schaute auf ihren Hals und sah ihren Puls am Hals schlagen. Ihre Haut schien durch den

Puls in Bewegung zu sein. Für einen Moment dachte Nick daran, an ihrem Hals riechen zu wollen. Er verdrängte den Gedanken jedoch schnell wieder. Sie war so schön und so zart. Er wünschte sich nichts sehnlicher, als sie berühren zu können. Er war wirklich verliebt in sie. Nick stand langsam auf, und Emily wandte sich ihm wieder zu.

»Ich gehe jetzt nach Hause, Emily«, sagte Nick bestimmt.

»Bis morgen.«

Sie blickte ihn an und nickte lächelnd.

»Okay«, flüsterte sie.

»Ciao«, sagte Nick noch und lief hinüber zu Beth, um sich zu verabschieden. Freudig lief er durch die Klinik, holte seinen Rucksack

und verabschiedete sich von Steffy, die gerade an der Theke mit zwei Eltern über die Regeln der Klinik sprach. Dann war er auch schon zur Tür hinaus und sprang zufrieden auf sein Fahrrad. Nick lächelte. Er hatte eine solche Angst davor gehabt, mit Emily zu reden. Er hatte sich die

schrecklichsten Szenarien ausgemalt, wie es hätte enden können. Doch dann hatte er sich einfach entspannt und beobachtet, was geschehen war. Und es hatte wunderbar geklappt. Er hatte eine Ruhe in sich gespürt und sie einfach angesprochen.

Obwohl Nick daran dachte, dass Jack wahrscheinlich bereits gegangen war, fuhr er dennoch schnell in den Park und suchte ihn. Doch weder auf der Bank, noch auf der Wiese oder am Teich war Jack aufzufinden. Zu gerne hätte Nick ihm davon erzählt, wie er mit Emily geredet hatte.

Und vielleicht hätte er Jack auch gefragt, wie es sich anfühlte, verliebt zu sein. Es wäre sicherlich ein lustiges Gespräch geworden.

Nick verließ den Park wieder und fuhr nach Hause. Seine Familie hatte sich an dem Abend vorgenommen, essen zu gehen. Es gab allen Grund zu feiern: Nicks Vater hatte endlich seine Beförderung erhalten, Nick war in der Klinik toll aufgenommen worden und arbeitete zum ersten Mal

in seinem Leben, und die Familie war nach vielen Jahren endlich wieder harmonisch vereint. Dementsprechend trank Nicks Vater an diesem Abend mal wieder ein Glas Wein zu viel, obwohl alle wussten, dass er es nicht vertrug. Nick sah seine Mutter an diesem Abend so glücklich

wie lange nicht mehr. Völlig losgelöst lachte sie den ganzen Abend lang. Obwohl Nick sich mit seinen Eltern unterhielt, dachte er doch immer wieder an Emily und an den Moment, als sie endlich mit ihm gesprochen hatte. Er stellte sich vor, wie Emily neben ihm und seinen kleinen

Bruder saß, und er seinen Arm um ihre Schulter legte. Er wünschte sich so sehr, sie einmal bei einem Abendessen dabei zu haben. Nick wusste, dass seine Mutter sich schon lange wünschte, dass er mit einem Mädchen zusammen wäre.