Ein Schwall Tränen quoll aus Nicks Augen. Fast hätte er auf dem Fahrrad sein Gleichgewicht verloren, doch er fuhr einfach weiter. Er wollte so schnell er konnte in den Park.

»Bitte sei da«, schluchzte er verzweifelt. „Bitte, Jack, sei da! Ich weiß, du wolltest dich erst morgen mit mir treffen, aber bitte sei da!« Er rief es so laut, als ob er hoffen würde, dass Jack ihn hören könnte. Als Nick den Park erreicht hatte, warf er sein Fahrrad einfach gegen die Parkmauer und rannte hinein. Er konnte immer noch nicht aufhören zu weinen. Sein ganzer Körper zitterte. Er fühlte sich so schwach und verloren wie nie zuvor in seinem Leben. Die anderen Passanten schauten ihn fragend an, doch Nick rannte einfach weiter auf die Bänke zu. »Bitte, Jack, bitte sei hier!«, rief er leise, und schließlich erreichte er japsend die Bänke.

Doch Jack war nicht da, und völlig verzweifelt ließ sich Nick auf eine Bank fallen. Er vergrub den Kopf in den Armen und weinte bitterlich.

Eine Mutter saß mit ihren beiden Kindern auf einer der zahlreichen Bänke und forderte die Kinder eilig auf, mit ihr wegzugehen. Dann war Nick alleine. Es war niemand mehr in seiner Nähe. Und so fühlte sich Nick auch: vollkommen verlassen.

Jack war nicht da, jetzt, wo Nick ihn am meisten brauchte.

»Ich kann es nicht alleine«, flüsterte Nick. »Ich kann es nicht.«

Verzweifelt weinte Nick noch einige Minuten weiter. Es schien kein Ende seiner Tränen zu geben, doch dann spürte Nick auf einmal eine Hand auf seinem Kopf liegen. Erst jagte es ihm einen Schrecken ein, doch als er den Kopf hob, sah er direkt in Jacks Augen. »Komm her!«, sagte dieser und breitete seine Arme aus. Nick stürzte erleichtert in seine Arme und weinte sich aus. »Oh, mein kleiner Freund, es ist gut. Lass es heraus«,

sagte Jack beruhigend und streichelte Nick über den Kopf,

wie ein Vater, der sein Kind tröstete. »Ich kann das nicht!«, schluchzte Nick. »Ich kann das einfach nicht!«

Nick schluchzte laut, und es schien, als ob das Leid aller vergangenen Jahre aus ihm herausbräche. Jack sagte nichts, und hielt Nick solange fest, bis ein tiefer Atemzug das Ende seiner Tränen erahnen ließ.

»Komm!«, sagte Jack und setzte sich hin.

»Ich habe versagt, Jack«, flüsterte Nick leise.

»Nein, mein Freund, das hast du nicht.« Jack schüttelte den Kopf.

»Aber ich kann ihr nicht helfen!«

»Doch, das kannst du, und das hast du heute bewiesen.«

»Ich verstehe dich nicht, Jack! Wie kannst du so etwas sagen?«, erwiderte Nick frustriert und deutete auf seine Tränen.

Jack holte ein Seidentuch aus seiner Hosentasche. Es war fein zusammengelegt und vollkommen unbenutzt. Er reichte es Nick, und dieser trocknete damit sein Gesicht von den Tränen.

»Nick, du hast heute etwas ganz Wichtiges gelernt und etwas noch Wichtigeres gezeigt. Ich erkläre dir auch gleich, was ich damit meine. Doch vorher beantworte mir bitte eine Frage«, forderte er den Jungen sanft auf. Nick zog seine Achseln nach oben und nickte dann.

»Was hast du heute den ganzen Tag gefühlt?«

»Was meinst du? Ich habe mich schlecht gefühlt! Ich habe mich so gefühlt, als ob ich ein Vollidiot sei, ein Versager!«

»Es ist schade, dass du so von dir denkst, aber der Gedanke zählt heute nicht. Was war das Gefühl hinter diesen Gedanken?«

Nick erinnerte sich an den Tag und ließ alle Gefühle noch einmal zu. Er wusste genau, dass Jacks Frage eine tiefe Bedeutung hatte, und daher spürte er ganz intensiv in sich hinein.

»Es war Angst, Jack. Das habe ich den ganzen Tag gefühlt.«

Jack nickte. »Ja, Nick. Es war die Angst, abgewiesen zu werden, die

Angst, nicht geliebt zu werden.«

Als Jack dies sagte, weinte Nick wieder kurz. Jack hatte

wie immer recht, mit dem, was er sagte, und die Wahrheit

berührte Nick. »Du hast aus Angst davor, zurückgewiesen zu werden,

andere selbst zurückgewiesen.«

Nick dachte an seine Mutter und an Beth. Zu beiden war er abweisend gewesen. Dann dachte er an Emily und atmete erleichtert auf. Glücklicherweise hatte Beth ihn nach Hause geschickt. Nicht auszumalen, wenn Nick in diesem Zustand auf Emily getroffen wäre.

»Siehst du!«, sagte Nick noch unter Tränen. »Ich habe es verbockt!«

»Das hast du nicht, Nick, ganz im Gegenteil. Du hättest dich noch viel weiter in deiner Angst verlieren können, doch die Liebe in dir war stärker. Sie hat dich entscheiden lassen, die Klinik zu verlassen, sie hat dich dazu veranlasst, nach mir zu rufen. Es war der Wunsch, deine Angst

zu überwinden, der dich hierher in den Park gebracht hat. Vielleicht siehst du das im Moment noch nicht, aber glaube mir, ich sage die Wahrheit.«

»Es ist schwer zu glauben. Im Moment fühle ich keine

Liebe in mir«, erwiderte Nick leise.

»Doch, sie ist da und eines hat dich der heutige Tag gelehrt, wenn auch auf eine schmerzhafte Tour: Es hat nur eines der beiden Gefühle Platz in deinem Herzen, die Angst oder die Liebe. Und du musst dich entscheiden, welche Kraft in dir stärker sein soll. Jede Sekunde, jede

Minute und jeden Tag gilt es, diese Entscheidung neu zu

treffen.«

Nick bekam eine Gänsehaut, die sich über seinen ganzen Körper ausbreitete. Auf einmal war es ganz ruhig in ihm und die Klarheit kehrte in seine Gedanken zurück. »Das, worauf ich mich die ganze Zeit konzentrieren sollte, dieses warme Gefühl in mir, das mich lenkt, ist die Liebe, oder?«

Jack nickte. »Ja das ist sie. Es ist die Liebe, die zu dir spricht, und mit dem heutigen Tag hast du dich ihr verschrieben «, lächelte Jack. »Ich bin stolz auf dich, Nick. Du hast die letzte Lektion gemeistert.«

»Ich konnte sie heute nicht fühlen, weil ich so viel Angst hatte.«

Jack nickte wieder und stand dann von der Bank auf.

»Dies war der letzte Kampf, den du mit dir selbst geführt hast, Nick. Geh jetzt nach Hause und ruhe dich aus. Morgen sieht deine Welt wieder anders aus.«

Alles Schwere schien von Nick abgefallen zu sein, und er konnte Jack mehr verstehen denn je. Was Jack sagte, drang tiefer denn je in Nicks Herz. Er wollte zwar noch widersprechen, weil es noch so viel gab, was er Jack fragen wollte, doch das Gefühl in seinem Herzen ließ ihn

verstehen, dass er alle seine Fragen von selbst beantworten

könnte.

»Wir sehen uns morgen, wieder«, sagte Jack und lächelte Nick voller Hoffnung an.

»Danke, dass du gekommen bist, Jack.«

»Du bist fantastisch, Nick«, sagte er, deutete auf Nick

und ging winkend davon.

»Warte, Jack!«, rief Nick und stand eilig auf, um zu seinem Freund zu gelangen.

»Ich werde morgen nicht kommen, sondern mit meiner Familie etwas unternehmen. Ich bin es ihnen einfach schuldig. Oder nicht schuldig, sondern ...«

Jack legte seine Hand auf Nicks Arm und strich ihm sanft über die Schulter. »Ich verstehe schon, Nick und das ist die richtige Entscheidung. Habt einen schönen Tag zusammen!«

Jack drehte sich um und ging weiter. Nick lief wieder zurück

zur Bank und setzte sich wieder. Für einige Minuten blieb er dort und dachte nach. Er schien wie ausgetauscht, seine sorgenvollen Gedanken, die Angst, die Trauer, alles war wie weggeblasen.

Es war nur wenige Minuten her, dass Nick geweint und sich als der größte Versager der Welt gefühlt hatte. Nur einen Augenblick zuvor hatte er aufgeben wollen. Doch jetzt waren all diese Gedanken verschwunden.

Von all den schlechten Gefühlen und Gedanken, die Nick an dem Tag gehabt hatte, blieb nur noch die Erinnerung. Wie wenn nach dunklen kalten Wintertagen der Sommer einzieht, vollzog sich auch in Nick eine Wandlung, und das Licht schien mehr denn je. Alles, was er in den letzten Wochen gelernt und erfahren hatte, ergab jetzt wirklich

einen Sinn. Durch jeden Gedanke, jeden Streit, jedes Gefühl, ja wirklich in jeder Sekunde seines Lebens wurde ihm die Möglichkeit gegeben, sich für eines zu entscheiden: für die Angst oder die Liebe.

Wenn Nick jetzt an Emily dachte, wusste er ganz genau, dass er bei der nächsten Begegnung die richtigen Worte finden würde und dass er die Kraft hätte, sie wieder an das Leben zu erinnern.

»Dieser Jack ist unglaublich. Wie macht er das bloß?«, fragte sich Nick. Jedes Mal, wenn Jack in seiner Nähe war, ging alles so leicht von der Hand. Man könnte sagen, dass Nicks Verstand schärfer, sein Herz reiner und ihm seine Gefühle viel bewusster waren. Nick stand von der Bank auf und atmete tief durch. Dann lief er langsam auf dem sandigen Weg durch den Park zurück zu seinem Fahrrad. Nick hob sein Fahrrad vom Boden auf, klemmte seinen Rucksack um den Lenker und lief los, das Fahrrad vor sich schiebend. Es gab für Nick nun keinen Grund mehr zur

Eile. Jack hatte ihn immer wieder darauf hingewiesen, diesem Gefühl zu vertrauen, das sich so warm anfühlte. Und immer, wenn Nick voller Sorgen und Gedanken war, konnte er dieses Gefühl nicht mehr wahrnehmen. Jack hatte recht. Es konnte nur eines in seinem Herzen sein, entweder die Sorgen oder das Vertrauen, entweder die Unruhe oder die Stille. Bisher war immer beides in ihm gewesen. Als Nick die Hauptstraße entlanglief, dachte er an seine Mutter, und der Wunsch kam in ihm auf, ihr eine Blume mitzubringen. Der Gedanke kam Nick nur wenige Meter, bevor er Rosies Blumenladen erreichte, dessen Scheibe er

zwei Wochen zuvor eingeworfen hatte. Nick lehnte sein Fahrrad gegen die Hauswand und blickte durch die große neue Fensterscheibe ins Innere des Ladens. »Hier hat das Abenteuer angefangen«, dachte er und erkannte, dass er trotz des vielen Ärgers, den er hatte, ohne die kaputte Scheibe wohl niemals Emily begegnet wäre. Und er hätte auch nicht abends im Park gesessen und wäre Jack über den Weg gelaufen.

»Diese Scheibe hat mein Leben verändert«, grinste Nick

innerlich und drückte gegen die Tür, um in das Innere des Ladens zu gelangen. Die Tür war bereits verschlossen, doch Rosie, die kleine rundliche ältere Frau, die sich hinter einer dicken Brille versteckte, war noch im Laden und hörte Nick. Sie schloss die Tür auf und staunte, als sie Nick vor der Tür sah.

»Oh, du bist es!«

Nick lächelte sie voller Dankbarkeit an.

»Hallo, Rosie! Mir kam der Gedanke, meiner Mutter eine Blume mitzubringen, und ich war nur ein paar Schritte von Ihrem Laden entfernt«, sagte er ehrlich. »Und wenn ich schon einmal in ihrer Nähe bin, dann möchte ich mich für die Unannehmlichkeiten entschuldigen!«

»Ist schon gut, Junge!«, sagte sie und trat einen Schritt zur Seite, um Nick hereinzulassen. Von Nicks kleinemUnfall war nichts mehr zu sehen, die Scheibe war komplett erneuert worden.

»Ich hoffe, du bist mir nicht böse, dass ich es zur Anzeige

gebracht habe.«

»Nein, das war das Beste, was Sie machen konnten«, antwortete

Nick lächelnd.

»Wenn du meinst«, sagte sie und zeigte ihm ein paar schöne Blumen, die sie schon hinten ins Lager gelegt hatte. Nick suchte einen schönen Blumenstock für seine Mutter aus und verließ glücklich den Laden. Nach einigen Minuten war er zu Hause. Nick stellte seinen Rucksack

und das Geschenk für seine Mutter vor dem Eingang abund brachte sein Fahrrad in die Garage. Anschließend richtete er sich auf und klingelte an der Tür. Seine Mutter öffnete ihm mit nassen Haaren und einem Handtuch über den Schultern. Als sie Nick erblickte, trat sie erschrocken

einen kleinen Schritt zurück. Nick spürte, dass sie unsicher war, was kein Wunder war, schließlich hatte er sich am Abend zuvor und am Morgen so aufgeführt, als sei er wieder der mies gelaunte Teenager von vorher geworden. Elegant holte er den Blumenstock hinter seinem Rücken

hervor und überreichte ihn seiner Mutter.

»Es tut mir leid, Mum! Ich weiß, dass du Angst gehabt hast, dass alles, was wir uns in den letzten Tagen aufgebaut haben, wieder zerstört ist, aber …« Nick schluckte einen Moment, bevor er weitersprach. Er trat nach innen und schloss die Tür hinter sich. »Du musst dir keine

Sorgen machen. Ich erzähle dir gleich, wieso ich so mies

drauf war, okay?«

»Ach ja, klar, kein Problem, Nick. Es ist alles okay«, spielte sie ihre Sorgen herunter.

»Danke für die Blumen! Die sind doch für mich, oder?«

Sie nahm die Blumen, eilte in die Küche und holte eine Blumenvase aus dem Schrank. Nick verdeckte sein Grinsen. Seine Mutter würde nie zugeben, wieviele Sorgen sie sich gemacht hatte, aber das brauchte sie auch nicht. »Wo sind Henry und Dad?«, fragte er.

Nicks Mutter deutete mit der Hand nach oben. »Sie spielen

in Henrys Zimmer.«

»Ich gehe mal nach oben.«

»Ja, ja, mach nur.«

Nick bewegte sich in die Küche und gab seiner Mutter einen Kuss auf den Hinterkopf. Dann verließ er das Erdgeschoss und ging hinauf zum Rest der Familie. An diesem Abend blieben alle lange wach und saßen zusammen am Tisch. Nick erzählte seiner Familie von Jack und den Gesprächen mit ihm. Er erzählte ihnen von den Übungen, die er mit Jack durchgeführt hatte und dem Ratschlägen, die er ihm immer wieder gegeben hatte. Selbst über Jacks Fähigkeit, aufzutauchen, wenn man ihn

brauchte und innerhalb von Sekunden spurlos wieder zu verschwinden, berichtete Nick seinen Eltern, die, genauso wie er, staunten. Und Nick beschrieb seiner Familie auch den Moment, als er Emily begegnet war und das Gefühl, dass er dabei gehabt hatte. Er berichtete ihnen auch von

dem Traum, auch wenn er für einen kurzen Moment unsicher

war, ob er davon erzählen sollte. Nick offenbarte sich völlig. Für mehrere Stunden saßen sie einfach nur beisammen und redeten miteinander bis in die Nacht hinein. Als Nick sich schließlich müde von seinen Eltern verabschiedete, um ins Bett zu gehen, nahmen ihn beide gleichzeitig

in den Arm. Sein Vater strich ihm sanft über den Hinterkopf und sagte entschlossen: »Nick, ich bin stolz auf dich! Das sollst du wissen.«

Nick lächelte, und all seine Liebe und Dankbarkeit strahlten aus seinen Augen. Dann erwiderte er die Umarmung und drückte beide nochmals für einen langen Moment an sich.

»Es tut mir alles so leid«, flüsterte er ihnen ins Ohr. »Ich war es, der sich von euch zurückgezogen hat.«

»Ich habe dir nicht die Aufmerksamkeit gegeben, die du gebraucht hättest«, antwortete sein Vater mit einem Kloß im Hals. Nick schenkte ihm als Antwort sein schönstes Lächeln und wünschte seinen Eltern eine gute Nacht.